Vier Turniere bestimmen den Rhythmus einer jeden Tennissaison — und im Damentennis sind die Grand Slams mehr als nur die größten Events des Kalenders. Sie sind die Bühne, auf der Karrieren definiert werden. Eine Spielerin kann 20 kleinere Titel gewinnen, aber erst ein Grand-Slam-Triumph macht sie zur Legende. Das war 1970 so, und das gilt 2026 unverändert.
Die Grand Slam Damen Wettbewerbe in Melbourne, Paris, London und New York vereinten 2024 einen Gesamtprizefonds von mehr als 254 Millionen US-Dollar — eine Summe, die sich seit 2010 mehr als verdoppelt hat. Seit 2007 zahlen alle vier Majors gleiche Preisgelder an Frauen und Männer, ein Meilenstein, den kein anderer Profisport in dieser Konsequenz erreicht hat.
Jedes der vier Turniere hat seinen eigenen Charakter: andere Beläge, andere Atmosphäre, andere Traditionen. Die Australian Open testen die Fitness bei extremer Hitze, Roland Garros verlangt Geduld auf Sand, Wimbledon belohnt Aufschlag und Rasentechnik, die US Open setzen auf Spektakel unter Flutlicht. Wer alle vier versteht, versteht das Damentennis — und erkennt, warum die Grand Slams seit über einem Jahrhundert die Maßstäbe setzen.
Australian Open — Saisonauftakt auf Hartplatz
Melbourne eröffnet jedes Jahr die Grand-Slam-Saison, und das Timing ist kein Zufall. Im australischen Hochsommer treffen Spielerinnen aufeinander, die gerade erst aus der Off-Season kommen. Manche sind topfit, andere noch im Aufbau — und genau diese Ungleichzeitigkeit sorgt für die Überraschungen, die die Australian Open regelmäßig liefern.
Gespielt wird auf GreenSet-Hartplatz, einem Medium-Speed-Belag, der sowohl Grundlinienspielerinnen als auch offensiven Aufschlägerinnen liegt. Die Hitze Melbournes ist ein eigener Faktor: Temperaturen jenseits der 35 Grad prüfen nicht nur die Technik, sondern die physische Belastbarkeit. In der Geschichte des Damenturniers gab es Matches, die unter extremer Hitze zu medizinischen Auszeiten und Aufgaben führten — eine Realität, die kein anderes Major in dieser Intensität kennt.
Margaret Court hält mit elf Titeln den Allzeitrekord bei den Australian Open der Damen, ein Wert aus einer Ära, in der das Turnier noch nicht zum Grand Slam im heutigen Sinne zählte. In der Open Era dominierte Serena Williams mit sieben Titeln. Aryna Sabalenka hat in den vergangenen beiden Jahren den Ton angegeben und sich als Hartplatzspezialistin etabliert, die in Melbourne am schwersten zu schlagen ist.
Das Format entspricht dem aller Grand Slams im Dameneinzel: Best-of-three-Sätze, 128 Spielerinnen im Hauptfeld, eine Qualifikation mit 96 Starterinnen. Anders als bei den Männern, die Best-of-five spielen, sind die Damen-Matches in der Regel kürzer — doch in der Intensität stehen sie den Herren in nichts nach. Melbourne ist der Ort, an dem die Saison ihren ersten großen Höhepunkt findet.
Roland Garros — Sandplatzklassiker in Paris
Paris im späten Mai: Die French Open sind das einzige Grand-Slam-Turnier auf Sand, und dieser Belag verändert alles. Sand verlangsamt den Ball, erhöht den Absprung und belohnt Spielerinnen, die lange Rallys durchhalten und den Punkt geduldig aufbauen können. Wer hier gewinnen will, braucht nicht nur Technik, sondern auch die Beine, um drei Sätze im roten Staub zu überstehen. Der Court Philippe Chatrier mit seinem verschließbaren Dach, das seit 2020 Regenverzögerungen minimiert, fasst gut 15 000 Zuschauer und bietet einen der stimmungsvollsten Rahmen im Weltsport.
Chris Evert gewann sieben Titel in Paris, Steffi Graf sechs. Beide waren Sandplatzspezialistinnen, die auf diesem Belag eine Dominanz zeigten, die kaum jemand brechen konnte. In der Gegenwart gehört Roland Garros Iga Świątek, die hier 2022, 2023 und 2024 triumphierte und damit den Rekord der jüngsten Dreifachsiegerin aufstellte. Ihre Vorhand auf Sand ist ein Werkzeug, das gegnerische Grundlinienspielerinnen systematisch aus dem Platz drückt.
Für deutsche Tennisfans hat Roland Garros besondere Bedeutung. Steffi Grafs sechs Titel zwischen 1987 und 1999 sind ein Kapitel der Sportgeschichte, das in Paris mit jeder Ausgabe des Turniers weiterlebt. Kein aktives deutsches Dameneinzel kann derzeit an diese Erfolge anknüpfen — doch allein die Erinnerung an Grafs Dominanz zeigt, wie eng Grand-Slam-Geschichte und nationale Sportidentität verknüpft sind.
Wimbledon — Rasen, Tradition, weiße Kleidung
Kein Tennisturnier der Welt ist so traditionsbeladen wie Wimbledon. Seit 1884 spielen Frauen auf dem heiligen Rasen des All England Lawn Tennis Club, und die Regeln haben sich in mancher Hinsicht kaum verändert: Die Kleiderordnung schreibt noch immer überwiegend weiße Kleidung vor, das Turnier beginnt pünktlich am ersten Montag nach dem letzten Samstag im Juni, und der Centre Court wird zwischen den Championships nur für gelegentliche Events genutzt — der Rasen soll möglichst frisch sein, wenn es zählt.
Rasen ist der schnellste Belag im Tennis. Der Ball bleibt flach, die Ballwechsel sind kürzer, und ein guter Aufschlag wird hier stärker belohnt als auf jedem anderen Untergrund. Spielerinnen wie Serena Williams, die auf Rasen ihren mächtigen Aufschlag ausspielen konnte, dominierten Wimbledon über Jahre. Martina Navratilova hält mit neun Einzeltiteln den Damenrekord — ein Wert, der wohl nie übertroffen wird.
Finanziell setzt Wimbledon Maßstäbe. Der Prizefonds 2025 erreichte mit 53,5 Millionen Pfund einen neuen Rekord, umgerechnet rund 72,7 Millionen US-Dollar. Die Siegerin erhielt drei Millionen Pfund — exakt denselben Betrag wie der Sieger. Wimbledon war 2007 das letzte der vier Majors, das gleiche Preisgelder einführte, hat den Rückstand aber längst in einen Vorsprung bei der Gesamthöhe verwandelt.
Für die Saison 2026 gilt Sabalenka als Favoritin, doch Rasen bleibt unberechenbar. Spielerinnen wie Rybakina, deren flacher Aufschlag auf Rasen besonders effektiv ist, können in Wimbledon jede Favoritin gefährden. Die Rasenwochen im Juni und Juli — mit Berlin und Bad Homburg als deutschen Vorbereitungsturnieren — entscheiden, wer am letzten Samstag auf dem Centre Court die Venus Rosewater Dish in Empfang nimmt.
US Open — Spektakel unter Flutlicht
New York ist laut, und die US Open sind es auch. Kein Grand Slam hat eine vergleichbare Atmosphäre: Das Arthur Ashe Stadium fasst knapp 24 000 Zuschauer, und die Abendspiele unter Flutlicht haben eine Intensität, die Spielerinnen entweder beflügelt oder lähmt. Hier wird nicht nur Tennis gespielt — hier wird performt.
Auf DecoTurf-Hartplatz, einem mittelschnellen Belag, finden Spielerinnen unterschiedlichster Stilrichtungen ihre Bühne. Serena Williams gewann sechs ihrer insgesamt 23 Grand-Slam-Titel in New York. Chris Evert triumphierte ebenfalls sechsmal. In jüngerer Vergangenheit hat Coco Gauff dem Turnier ein neues Gesicht gegeben. Ihr Titel 2023 war ein Generationsmoment — eine 19-jährige Amerikanerin, die vor eigenem Publikum den größten Triumph ihrer Karriere feierte.
Die US Open sind auch ein Symbol für den Kampf um gleiche Bezahlung im Tennis. 1973 drohte Billie Jean King mit einem Boykott, wenn die Preisgelder nicht angeglichen würden — und die US Open waren das erste Major, das dem Druck nachgab. Diese Pionierrolle prägt das Turnier bis heute. Coco Gauff erinnerte nach ihrem Titelgewinn 2023 an genau diesen historischen Moment, als sie Billie Jean King im Publikum für deren Einsatz dankte — mit den Worten: «Thank you, Billie». Ein halbes Jahrhundert nach Kings Kampf war Gauff der lebende Beweis, dass die nächste Generation das Erbe nicht nur kennt, sondern weiterträgt.
Für 2026 wird erwartet, dass der Prizefonds erneut steigt. Die US Open haben sich in den vergangenen Jahren als wirtschaftlich stärkstes Grand-Slam-Turnier positioniert, nicht zuletzt durch Sponsoring-Deals und die Einbindung in die New Yorker Unterhaltungsindustrie. Die Night Sessions auf dem Ashe Stadium ziehen ein Publikum an, das weit über die klassische Tennis-Community hinausgeht. Sportlich ist das Feld so offen wie selten: Sabalenka, Świątek, Gauff und eine Reihe hungriger Aufsteigerinnen werden sich im August in Flushing Meadows messen.
Quellen
- World Economic Forum — Wimbledon 2025 Prize Money & Gender: weforum.org
- GIGA Perspectives — Tennis Pay Parity Gap Analysis: gigaprogym.com
