Die Frauentennis Geschichte ist eine Geschichte der Emanzipation — erzählt mit Schläger und Ball. Was im 19. Jahrhundert als gesellschaftliches Zeitvertreib für privilegierte Frauen in langen Röcken begann, hat sich zu einem globalen Profisport entwickelt, der Stadien füllt, Milliarden Zuschauer erreicht und Spielerinnen zu Millionärinnen macht. Der Weg dorthin war weder geradlinig noch einfach.
Drei Epochen definieren diese Geschichte: die viktorianischen Anfänge, in denen Frauen erstmals den Court betraten; die revolutionären 1970er Jahre, in denen Billie Jean King die WTA gründete und den Sport für immer veränderte; und die Open Era von Graf bis Sabalenka, in der das Damentennis zur professionellen Weltklasse aufstieg. Jede Epoche steht auf den Schultern der vorherigen — und jede hat Barrieren durchbrochen, die zuvor unüberwindlich schienen.
Die Anfänge — Frauen auf dem Tennisplatz im 19. Jahrhundert
Tennis, wie wir es kennen, entstand in den 1870er Jahren in England — und Frauen spielten fast von Beginn an mit. 1884 richtete Wimbledon erstmals ein Dameneinzel aus, gerade sieben Jahre nach dem ersten Herrenturnier. Maud Watson gewann den Titel vor 13 Starterinnen und einem Publikum, das eine Frau auf dem Centre Court noch als Kuriosität betrachtete.
Die Spielbedingungen waren alles andere als sportlich. Frauen trugen bodenlange Röcke, Korsetts und Hüte — eine Garderobe, die jede athletische Bewegung einschränkte und den Sport eher zum Spektakel als zum Wettbewerb machte. Die Schläge waren entsprechend sanft, das Netzspiel praktisch nicht existent, und die Rallys ähnelten eher einem höflichen Hin-und-Her als einem Wettkampf. Dass Frauen unter diesen Bedingungen überhaupt Tennis spielten, war ein Statement — auch wenn es die Gesellschaft der viktorianischen Ära nicht so empfand.
Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts brachten langsame Veränderungen. Suzanne Lenglen, die französische Ausnahmespielerin, revolutionierte den Sport in den 1920er Jahren: Sie trug kürzere Röcke, spielte athletisch und offensiv und wurde zur ersten internationalen Berühmtheit des Damentennis. Lenglen bewies, dass Frauen Tennis nicht nur spielen, sondern dominieren konnten — und dass das Publikum genau das sehen wollte.
Zwischen den Weltkriegen etablierte sich das Damentennis als eigenständiger Sport, blieb aber ein Amateurwettbewerb. Preisgelder gab es nicht, die Spielerinnen kamen aus wohlhabenden Verhältnissen, und die Turniere waren gesellschaftliche Events, bei denen der Sport manchmal Nebensache war. Alice Marble in den 1930er und Althea Gibson in den 1950er Jahren durchbrachen zwar sportliche Barrieren — Gibson als erste schwarze Spielerin bei einem Grand Slam —, aber die strukturelle Basis blieb unverändert: ein Amateursport für wenige. Diese Struktur hielt sich bis in die 1960er Jahre — bis eine Gruppe von Spielerinnen beschloss, dass der Amateurstatus nicht mehr haltbar war.
Billie Jean King und die Gründung der WTA 1973
Kein Name ist mit der Frauentennis Geschichte so eng verknüpft wie Billie Jean King. Die Amerikanerin, selbst eine herausragende Spielerin mit 12 Grand-Slam-Titeln im Einzel, erkannte in den späten 1960er Jahren, dass das Damentennis professionelle Strukturen brauchte — eigene Turniere, eigene Preisgelder, eigene Vermarktung. 1970 unterschrieb sie gemeinsam mit acht anderen Spielerinnen den symbolischen Ein-Dollar-Vertrag, der die Virginia Slims Tour begründete — den Vorläufer der WTA.
1973 gründete King die Women’s Tennis Association. Es war ein Akt der Notwendigkeit: Die existierenden Tennisverbände behandelten das Damentennis als Anhängsel der Herrenwettbewerbe, die Preisgelder waren ein Bruchteil dessen, was Männer erhielten, und Sponsoren investierten kaum in Frauenturniere. Bei den US Open 1972 erhielt die Damensiegerin weniger als die Hälfte dessen, was der Herrensieger bekam — für denselben Aufwand, am selben Ort, vor demselben Publikum. Die WTA sollte das ändern — mit einer eigenständigen Tour, eigenen Verträgen und dem erklärten Ziel, gleiche Bezahlung zu erreichen.
Im selben Jahr fand das berühmteste Tennismatch der Geschichte statt: der „Battle of the Sexes“ zwischen King und Bobby Riggs. Der 55-jährige Riggs, ein ehemaliger Wimbledon-Sieger, hatte öffentlich behauptet, dass jede Frau gegen einen Mann verlieren würde — auch gegen einen älteren. King gewann in drei Sätzen vor 30 000 Zuschauern im Houston Astrodome und rund 90 Millionen TV-Zuschauern weltweit. Das Match war mehr als Sport: Es war ein kulturelles Ereignis, das die Position der Frau im Sport und in der Gesellschaft verhandelte.
Die Nachwirkungen waren konkret. Noch 1973 wurden die US Open das erste Grand-Slam-Turnier, das gleiche Preisgelder an Frauen und Männer zahlte — unter Kings Druck. Coco Gauff erinnerte 50 Jahre später nach ihrem US-Open-Sieg 2023 an genau diesen Moment, als sie Billie Jean King im Publikum für ihren Einsatz dankte. Kings Vermächtnis reicht weit über ihre eigene Spielerinnenkarriere hinaus: Sie hat die Infrastruktur geschaffen, auf der das gesamte moderne Damentennis steht.
Meilensteine der Open Era — Graf, Williams und die Professionalisierung
Die Open Era, die 1968 begann und Profis zu Grand-Slam-Turnieren zuließ, brachte dem Damentennis eine Professionalisierung, die jedes Jahrzehnt beschleunigte. In den 1970er und 1980er Jahren dominierten Chris Evert und Martina Navratilova — zwei Spielerinnen mit grundlegend verschiedenen Spielstilen, deren Rivalität dem Damentennis erstmals eine erzählerische Tiefe gab, die über einzelne Matches hinausreichte. Evert war die Meisterin der Grundlinie, Navratilova die Serve-and-Volley-Künstlerin. Ihre 80 direkten Begegnungen — 60 davon in Finalspielen — schufen ein Narrativ, das den Sport für ein breiteres Publikum zugänglich machte: Wer ist besser, die Strategie oder die Athletik?
Steffi Graf hob den Sport in den späten 1980er Jahren auf ein neues Level. Ihr Golden Slam 1988 — alle vier Grand Slams plus Olympia-Gold im selben Jahr — bleibt die größte Einzelsaison in der Geschichte des Tennis, bei Frauen wie bei Männern. In Deutschland löste Graf einen Tennisboom aus: Der DTB erreichte 1994 mit rund 2,3 Millionen Mitgliedern seinen historischen Höchststand. Dass diese Zahl nach Grafs Rücktritt rapide sank, zeigt, wie eng ein einzelner Name mit dem Schicksal eines ganzen Sports verknüpft sein kann.
Serena Williams übernahm die Rolle der dominierenden Figur ab den frühen 2000er Jahren. Mit 23 Grand-Slam-Titeln im Einzel hält sie den Open-Era-Rekord, und ihre Kombination aus Athletik, Aufschlagpower und mentaler Stärke setzte Maßstäbe, die bis heute gelten. Williams machte das Damentennis schneller, physischer und kompetitiver — und inspirierte eine Generation von Spielerinnen, die heute die Tour anführen.
Die jüngste Entwicklung zeigt, dass der Sport breiter und globaler wird. Der Frauenanteil unter den Tennisspielern weltweit liegt laut ITF Global Tennis Report 2024 bei 40,3 Prozent — ein Rückgang von 47 Prozent im Jahr 2019, der allerdings dadurch erklärt wird, dass die absolute Zahl der Spielerinnen um 8,3 Prozent gewachsen ist, während das Männertennis noch schneller zulegte. Die Professionalisierung ist abgeschlossen, die Infrastruktur steht, die Preisgelder steigen. Was vor 150 Jahren mit Maud Watson in einem langen Rock begann, ist 2026 ein Milliardensport — und die Geschichte wird weitergeschrieben.
Quellen
- ITF Global Tennis Report 2024: itftennis.com
- ESPN — Fifty Years: Battle of the Sexes, Equal Pay & Gender Equity: espn.com
